otium vs negotium – jetzt damit starten!

OtiumNegotium – Worte, Begriffe, die “uralt” sind, aber wieder mehr und mehr an Bedeutung gewinnen. Das in diesem Begriffspaar enthaltene Spannungsfeld kommt durch die gesellschaftspolitische Entwicklung aus dem jahrhundertealten ‘Dornröschenschlaf’ hervor. Was bedeuten diese Worte?

otium: lat. Muße, Ruhe von Berufstätigkeit, literarische o. wissenschaftliche Betätigung.
negotium: lat. Arbeit, Auftrag, Aufgabe, Unternehmung, Geschäft

ladyoak_sapes_entspannung, by pixelio.de

In diesen übersetzenden Worten steckt aber sehr viel mehr, als auf den ersten Blick zu erkennen ist!
Interessant und bezeichnend ist, daß “negotium” als Negation von “otium” dasteht und nicht als etwas Eigenständiges. Für die antike Gesellschaft, und dies trifft für die griechische und die römische Antike zu, war otium das einem freien Bürger angemessene. Negotium war etwas, was durch Unfreie zu leisten war. Betrachtet man die etymologische Herkunft des Wortes “Arbeit”, so findet sich dies auch darin wieder (Mühsal, Sklaverei, Knechtschaft, Diener, Gehilfe).
Otium war insoweit das Ideal, ein Ideal, welches aber nicht darin bestand, auf der “faulen Haut zu liegen”, sondern in der Beschäftigung mit Kunst, Philosophie, Politik und Wissenschaft. Der allseitig gebildete Bürger war das Ziel. Dieses Ziel sollte nicht durch Arbeit unmöglich gemacht werden.
Auch heute ist ja, trotz aller “Heiligsprechung” der Arbeit, immer noch materielle Unabhängigkeit zur Vermeidung von Arbeit der Traum, der nach wie vor geträumt wird. Nur für den, der seine Leidenschaft zur “Arbeit” machen konnte, trifft dies wohl nicht zu. Das antike Ideal lebt weiter! aber es wird natürlich in seiner damaligen Form der Erledigung der Arbeit durch Unfreie (glücklicherweise) nicht wieder erstehen.

Was können (oder müssen) wir aber in die heutige Zeit retten, wiederbeleben – müssen deshalb, weil das ungehemmte Renditestreben ansonsten nichts als ausgelaugte Menschen und ausgelaugte Landschaften zurück lassen wird?!!
Ist es das Ziel der humanen Entwicklung, möglichst kostengünstig zu produzieren und dies nur einer Minderheit zugute kommen zu lassen? Stelle man sich vor, irgendwann wird die Arbeit komplett von Automaten verrichtet – nicht um die Menschen zu entlasten, sondern weil sie billiger sind und seltener ausfallen. Da keiner mehr arbeitet, bekommt ja (nach heutiger Lesart) auch niemand mehr einen Lohn – was geschieht dann mit den produzierten Waren? Werden diese dann auch von Automaten bezahlt und verbraucht und die Menschen sterben zwangsläufig aus?

Interessant ist, daß die Parteien immer noch mit Parolen a la “Arbeit hat Vorfahrt” oder “Arbeit muß sich wieder lohnen” unterwegs sind. Es ist kaum vorstellbar, daß dort jemand ernsthaft glaubt, irgendwann ohne drastische Veränderungen der gesellschaftlichen Gegebenheiten wenigstens eine Art ‘Vollbeschäftigung’ zu erreichen. Falls dieser Glaube doch besteht, dann ist es schlimmer, als man sich dies dachte!
Muß den ‘Vollbeschäftigung’ sein, wenn es ansonsten die Produktionsergebnisse erlauben würden, einen Großteil der Bevölkerung zu versorgen, ohne daß jeder Arbeit hat/arbeiten muß (so wie es ja jetzt schon im Grunde der Fall ist!)? Müßte nicht sofort ein Umdenken in diese Richtung beginnen?
Der Wunschtraum von der Vollbeschäftigung ist ausgeträumt. Aus meiner Sicht spricht alles für ein Grundeinkommen:

  • Wer ausreichend finanziell versorgt ist, muß seine Arbeitskraft nicht mehr zu Markte tragen. Dies gibt den Menschen ihre Würde zurück.
  • Wer so versorgt ist, kann gesellschaftlich notwendig tätig sein. Ein großes Potenzial an Engagement wird frei.
  • Es entstehen vielfältige Netzwerke, deren Mitglieder selbstbestimmt und sinnvoll leben.
  • Die Argumente gegen das Grundeinkommen sind bekannt, drehen sich hauptsächlich um die Finanzierung. Aber es immer nur damit abzubügeln, ist nicht zielführend. Es muß sich ernsthaft damit auseinander gesetzt werden. Die jetzige Krise, die ja nach dem Bekunden vieler Politiker auch eine Chance mit sich bringt, wäre ein Ausgangspunkt.

    Weiterführende Fundstellen:

  • Prof. Dr. Erich Ribolits: Produktiver Müßiggang statt Erziehung zu Arbeit,
    Bildung ist nur jenseits des Diktats des Arbeitsmarktes möglich, Vortragsskript 2002 >>>
  • Ernst Lohoff: Tischlein, leck mich! Die Krise der Arbeitsgesellschaft ist offensichtlich geworden. Der Glaube an neue Beschäftigung für Hunderttausende ist irreal. (Pointierter Artikel, lesenswert) >>>
  • Johannes Wallacher: Jenseits der Arbeitsgesellschaft? Sozialethische Maßstäbe für eine Zeit des Umbruchs >>>
  • Existenzgeld – ein gesamtgesellschaftliches Konzept gegen Armut >>>
  • Herwig Büchele und Lieselotte Wohlgenannt: Grundeinkommen ohne Arbeit >>>
  • Netzwerk Grundeinkommen >>>
  • Auswirkungen der Einführung eines Bürgergeldes; Berechnungen des DIW (1996) >>>
  • unternimm-die-zukunft.de >>>
  • Wolfgang Schneider: Anleitung zum Faulsein, Eine Enzyklopädie; Piper 2005
  • Tom Hodgkinson: Anleitung zum Müßiggang, Rogner und Bernhard bei Zweitausendeins 2005
  • Marion Passarge: Von der Unmöglichkeit, eine Schildkröte spazieren zu führen, in: Scheidewege, Jahresschrift für skeptisches Denken, Nr. 35, Jahrgang 2005/2006
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    3 Reaktionen auf “otium vs negotium – jetzt damit starten!”

    1. Noah sagt:

      In gewisser Weise dehnst du den Begriff der Nachhaltigkeit damit auch auf den Menschen und seine Arbeitskraft aus, was ich sehr gut finde. Es wird sich viel ändern müssen, und Viele werden etwas zurückstecken müssen; ich denke aber, insgesamt könnten wir uns das leisten – vielleicht sogar global betrachtet, wenn man das Wachstumsdenken aufgeben würde.

    2. Sisyphos sagt:

      @Noah
      Genau – Ich bin der Meinung, dass wir die Nachhaltigkeit nicht nur auf bestimmte Bereiche begrenzen dürfen. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz. Wenn wir diesen Weg nicht gehen, wird die Nachhaltigkeit wohl auch in den Bereichen scheitern, in denen wir sie begrenzt umsetzen.

    3. [...] Dazu passt auch: otium vs negotium – jetzt damit starten! [...]

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